Geschenk

Geschenk

„Die Botschaft der Pferde“ ist ein Geschenk eines ganz besonderen Pferdes, damals noch sehr jung an Jahren, nämlich gerade 4, meines ersten eigenen Pferdes, das ich alleine ausbilde, und dem ich den Namen „Shambala“ – Quelle der Freude gegeben habe. Ich bekam dieses Geschenk im Herbst 1997.

Es war einer jener grauen Nebeltage, wo es in der Natur ganz still wird, kein Vogel zwitschert mehr, die Nebeltropfen hängen an den Gabelungen der Äste, die bereits die meisten Blätter verloren haben. Braun, dunkelgelb schwer und düster liegt das Laub am Boden.

Der Boden ist noch nicht gefroren, er ist erdig-feucht. Ich liebe dieses Wetter, um mit den Pferden einen geruhsamen Ausritt im Schritt zu unternehmen – auch die Pferde sind an solchen Nebeltagen nicht gerade begeistert von irgendeiner anstrengenden Arbeit sondern stehen auf der Koppel in kleinen Gruppen eng beieinander, lassen ihre Köpfe hängen und warten auf die nächste Fütterung.

Für mich haben solche Ausritte den großen Vorteil, dass ich nicht durch den durchfeuchteten Wald gehen muss, sondern, warm angezogen, von den Pferden getragen werde und die Pferde haben auch eine Abwechslung an diesen grauen Tagen – und Pferde sind neugierig und lieben die Abwechslung!

Also holte ich mir meinen „Shambala“ von der Koppel, striegelte ihm sein dichtes, struppiges Winterfell, sattelte ihn und wir gingen los.

Bald ließen wir die letzten Häuser hinter uns und bogen in den Wald ein. Sobald wir unser gutes Ausritt-Tempo im Schritt hatten, er fleißig voranging, gab ich ihm den langen Zügel, sodass er sich frei und ungehindert bewegen konnte.

Erfüllt von Dankbarkeit begannen meine Gedanken eine Reise in die Vergangenheit:

Kaum zu glauben, dass es erst wenige Jahre her war, als in mir der Wunsch erwachte, reiten zu lernen. Es war in einem Winterurlaub in der Ramsau/Dachstein. Ich war sehr sportlich mit meinen Langlaufskiern unterwegs, als ich eine Reitergruppe wahrnahm, die am Schlittenweg auf mich zukam. Es war ein sonniger, klirrend kalter Wintertag. Die Pferde galoppierten, der Schnee staubte – Freiheit, Freude und Harmonie strahlten auf mich aus – das wollte ich auch einmal erleben!

Meine erste Reitstunde absolvierte ich einige Jahre später in England – einerseits war ich fasziniert, andererseits waren mir diese riesengroßen Tiere überhaupt nicht geheuer. Doch die erste Stunde verlief ganz ruhig und angenehm – Pferde schienen doch ganz friedliche und liebe Tiere zu sein und auch das zu tun, was ich von ihnen wollte.

Innerlich musste ich lächeln – und jetzt bin ich es, die nun anderen Menschen den natürlichen Einstieg in die Welt der Pferde zeigt! Was war das für ein steiniger und harter Weg  von dieser ersten Stunde auf dem braven, alten Schulpferd, den hunderten Stunden Reitunterricht bis zu diesem Ausritt auf meinem eigenen Pferd!

Dem Pendeln zwischen zwei Polen: Einerseits meinen schweren Unfällen mit gebrochenen Rippen und Schlüsselbein, Gehirnerschütterung, Prellungen, Zerrungen, Legionen von blauen Flecken – Kampf gegen Verzweiflung und vor allem die Auseinandersetzung mit einem für mich ganz wesentlichen Thema:

Angst.
Angst wovor:
Angst vor der Stärke – Pferde können mit ihrem Maul 3 t ziehen
Angst vor der Vitalität – ungewohnter Rhythmus, unbekannte Bewegungsmuster

Angst vor der Angst der Pferde – was passiert, wenn sich mein Pferd fürchtet und was soll ich dann machen
Angst vor der Machtlosigkeit – wer bestimmt, was geschieht, ich – oder das Pferd auf dem ich sitze, oder der Reitlehrer, oder die anderen Pferde
Angst vor Unerwartetem – beim Ausritt neu umgestürzte oder entwurzelte Bäume, Reiten durch Bäche oder kleine Flüsse oder steil bergauf und bergab, oder über schmale, schwingende Holzbrücken, die landwirtschaftlichen Maschinen, Eisenbahnen, Motorräder, Mountainbikes auf Forststraßen, Hasen, die aus dem Unterholz springen, Fasane die aus den Feldern auffliegen
Angst im Zusammenhang mit Horrorgeschichten, die man immer wieder hört: durchgehende Pferde, furchtbare Unfälle.
In einem Reitstall las ich einmal folgenden Spruch: Der Reiter auf der Erde ist das größte Glück der Pferde. Was war damit wohl gemeint?

Andererseits: Dieses herrliche Gefühl von Freude, Dankbarkeit und auch Stolz, wenn mir körperlich und seelisch wieder eine Überwindung meiner eigenen Grenzen gelungen war.

Die Verbindung meines Seins mit einem so großen, starken Lebewesen.

Die Wärme, die so ein Pferdekörper selbst am kältesten Tag schenkt, die Zuneigung in Form eines freundlichen Wieherns wenn ich den Stall betrete.

Alles Glück dieser Erde liegt also doch auf dem Rücken der Pferde?

Die ersten Jahre pendelte ich stark zwischen diesen beiden Polen hin und her.

Meine Sehnsucht war es, die in Büchern und Filmen dargestellte angebliche tiefe „Freundschaft“ zwischen Mensch und Pferd zu erleben. Eine Partnerschaft, in der friedliches, freud- und liebevolles Miteinander möglich ist.

Immer wieder stellte ich mir die Frage: Welchen Weg muss ich gehen?

Ich machte mich auf die Suche: in vielen unterschiedlichen Reitschulen, in Büchern, auch bei den Templern und Kreuzrittern. Nirgends fand ich eine für mich brauchbare Antwort bis mir eines Tages „Der kleine Prinz“ in die Hände fiel. Das letzte Mal hatte ich das Buch während meiner Schulzeit gelesen. In der Geschichte, wo der kleine Prinz dem Fuchs begegnet, fand ich dann die Antwort:

Zähmen

Zähmen bedeutet: sich vertraut machen.
Also begann ich, mich mit den Pferden vertraut zu machen. Statt Bücher über Reitlehren las ich alles, was mich mit ihnen mehr vertraut machte. Ihrer Entwicklung seit 60 Millionen Jahre, über Eigenheiten von Rassen, Psychologie der Pferde, ihrer Körpersprache aber auch Märchen und Geschichten, in denen Pferde eine Rolle spielen.

Ich hörte den Männern zu, die ihre Erlebnisse mit Pferden während der Weltkriege hatten und vor allem benutzte ich jede Gelegenheit, um Pferde zu beobachten. In unserer Familie gab es inzwischen zwei eigene Pferde, von meinem Mann gekauft, aber hauptsächlich von mir betreut und ich begann, mit diesen beiden Tieren sehr interessante Erfahrungen zu machen, aber so richtig glücklich war ich mit keinem der beiden.

Aber dann kam ER:

Wieder verbringen wir einen Weihnachtsurlaub in der Ramsau. Zeitig in der Früh mache ich meine erste Runde mit unserem Hund Anka und da liebe ich es, bei den Pferden vorbeizuschauen, die schon auf der Koppel sind und gerade ihr Frühstücksheu genießen. In kleinen Gruppen stehen sie beieinander, ca. 30 Tiere sind es. Ganz unerwartet schaut einer zu mir her, löst sich aus der Gruppe und kommt zum Koppelzaun. Ich begrüße ihn, streichle seine weiche, weiße Nase und freue mich über diese Aufmerksamkeit. Als ich weiter gehe kommt er einfach mit.

Dafür hat er sich Leckerli verdient hat, die ich mir erst aus dem Stall holen muss. Als ich zurück komme, steht er wieder bei seinen Freunden. Ich gehe zum Koppelzaun und beobachte sie, als dieses Pferd sich wieder aus der Gruppe löst und zu mir kommt. Als ich ihm das Leckerli füttere, nickt er mit dem Kopf, als würde er „danke“ sagen. Später erkundige ich mich über ihn und erfahre, dass er erst seit 2 Wochen hier im Stall ist, nicht einmal 4 Jahre alt und dass er jetzt angeritten wird. Begeistert nehme ich das Angebot an, mich um ihn während des Urlaubs zu kümmern.

Ich holte ihn mir von der Koppel und wir begannen miteinander zu spielen. Join up und follow up, the seven games nach Pat Parelli und das erste Reiten auf ihm! Wir arbeiteten jeden Tag zusammen – was immer ich ihm anbot, er machte mit so viel Freude und Begeisterung mit. Der Abschied fiel mir schwer – ich war verliebt!

Kaum konnte ich es erwarten, bis die Semesterferien da waren und ich wieder bei ihm sein konnte. Am Ende der Woche war es für mich klar – er war M E I N Pferd.

Foto shambala

Ich gab ihm den Namen „Shambala“ – Quelle der Freude und unser gemeinsamer Weg begann. Es gab viele Herausforderungen und Lernprozesse für mich. Klar und unmissverständlich waren seine Mitteilungen: eine Zehenfraktur war der sichtbare Ausdruck dafür, dass Gedanken und Emotionen starke Kräfte sind, auf die Pferde unmittelbar reagieren. Im Sommer lahmte er plötzlich und an der Klinik stellte sich heraus, dass ein intensives Dressurtraining leider nicht möglich war. Mein Mann verlangte, dass ich ihn an den Pferdehändler zurück gebe – versteckter Mangel, nur: Shambala und ich waren in diesem halben Jahr zu Freunden geworden – Von diesem Freund trenne ich mich nicht, nur weil er körperlich meine Vorstellungen nicht erfüllen kann, mein Dressur-Turnierpferd zu sein.

Eine neue, sehr entspannte Phase unseres Zusammenseins begann: Die weitere Ausbildung dieses Pferdes war weiterhin wichtig, aber ohne konkrete Zielvorgabe. Shambala forderte mich durch seine Intelligenz und Lern-bereitschaft aber auch durch sein stark ausgebildetes Selbst-Bewußtsein. Immer besser lernte ich seine Körpersprache und seine Signale kennen. Er forderte mein Einfühlungsvermögen, meine Klarheit in den Signalen, meine Konsequenz, mein Durchsetzungsvermögen.

Wer trainierte da eigentlich wen?
Natürlich lehrte ich ihn den Umgang mit vielen neuen Situationen, zu „denken“ und nicht nur instinktgemäß zu handeln, aber er trainierte meinen Charakter und somit meine Persönlichkeit! Als meine Gedanken wieder im Hier und Jetzt angelangt waren, schien es durch die Bäume lichter zu werden. Gab es ein paar hundert Meter weiter oben vielleicht sogar Sonnenschein? In mir stieg das Bedürfnis auf, ein Stück zu gallopieren. Shambala sprang alleine bei diesem Gedanken sofort an und freudvoll galoppierten wir dem Licht entgegen! Schon nach kurzer Zeit ließen wir den Nebel hinter uns und tauchten in das Sonnenlicht ein – es war unglaublich schön – strahlend blauer Himmel und unter uns wogten die Nebelfelder – in der Ferne konnte ich das Hochkar und den Ötscher sehen, während Altlengbach und die Autobahn vom Nebel verschluckt waren.

Nach diesem schönen Galopp hielt ich mein Pferd an, stieg ab und ließ es zur Belohnung fressen. Ich lehnte mich an seine Schulter, kraulte seinen Widerrist, genoss die sanfte Sonne und plötzlich war mir so klar, was die Botschaft der Pferde für uns Menschen im Heute sein musste!

 

Die Worte standen klar vor mich und als ich nach Hause kam, schrieb ich sie einfach auf und nannte sie die „Botschaft der Pferde“

Ich danke Shambala und alle den vielen Pferden, die in meinem Leben meine außergewöhnlichen Mentoren sind…

 

Es ist mir ein Herzensanliegen, ihre Botschaft in die Welt zu tragen……

Foto shambala
X